Gedankenfluss: „Nein. Hab Angst!“

Ihr Lieben,

heute komme ich mal wieder mit einem Gedankenfluss daher. Wir waren ja am Wochenende im Schwimmbad und der Zwerg lernt im Moment ganz sehr seine Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Ich finde diese Gefühle vollkommen wichtig und gut, dass er uns so, eindeutig zu verstehen gibt, was er von mir will. Deshalb finde ich es super wichtig, dass man die Gefühle von Kindern respektiert. Ja. Auch die von Kleinstkindern schon. Der Mann und ich haben den Zwerg nie als einen defizitären Erwachsenen gesehen, sondern immer schon als das was er ist – ein eigenständiger Mensch mit eigenem Charakter und Gefühlen.

Wir Eltern sind nicht dazu da, unserem Kind einen Charakter aufzudrücken, sondern wir haben die Aufgabe, sie innerhalb ihres Charakters so zu formen, dass sie in unserer Welt selbstbewusst bestehen können. Ich bekomme immer wieder mit, wie Eltern einem Kind einen Charakter „aufzwingen“. Jungs müssen mutig und stark sein. Mädchen sollen sanft und verständnisvoll sein. So ist das immer schon gewesen und viele denken das man genauso sein muss, um in unserer Gesellschaft zu bestehen. Ein Junge mit Gefühlen? – Weichei. Eine selbstbewusste Frau? – Mannsweib.
Fakt ist, jeder Mensch hat 1000 Facetten. Auch unsere Kleinsten bestehen aus einem Geflecht von Charaktereigenschaften, Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Das ist teilweise einfach Erbgut, das man mitbekommt. Für uns Eltern kann das schwierig werden, wenn wir beide sehr ruhig sind und ein Kind bekommen, das charakterstark und laut ist. Dann trifft nämlich schwierigste Punkt ein – unser Kind ist anders als wir selbst und sollte sich auch dementsprechend entwickeln. Es würde leiden, wenn wir ihm beibringen still zu sein und sich anzupassen.

Aber zurück zum Ursprungsthema. Der Zwerg bekommt im Moment eine ganze Menge Gefühle mit, und versucht mit ihnen umzugehen. Man merkt richtig, wie er teilweise in seinen Gefühlen gefangen ist und braucht um herauszufinden, was er möchte. Ich finde es erleichternd, denn er kann jetzt eindeutig zuordnen: „Mama. Hunger“ oder „Mama. Zwerg hat Durst“. Er ningelt nicht mehr einfach nur in einem undefinierbarem Sing Sang und für mich entfällt somit das Rätselraten, was er denn nun eigentlich will 😉 Aber genauso sehe ich mich auch mit Gefühlen konfrontiert, bei denen er leidet und die mich als Mutter schmerzen. Beispielweise Wut. Dann weint er und lässt sich nicht beruhigen, brüllt und schubst mich weg. Meistens erkläre ich ihm, dass ich seine Wut verstehe, aber im Moment nichts an der Situation ändern kann und ihn jetzt kurz auswüten lasse und wenn alles wieder gut ist, drücken wir uns. Das funktioniert meistens gut.

Immer öfter hat er jedoch auch Angst. In letzter Zeit höre ich ab und an: „Mama. Ich hab Angst“. Und dann stelle ich mir jedesmal die Frage: was macht ich jetzt?! Lasse ich die Dinge einfach sein oder motiviere ich mein Kind sich zu überwinden? Ich persönlich finde den Grat zwischen „Angst und keinen Schritt weiter“ und „Angst, aber wenn Mama mitkommt, geht es“ – extrem schmal.

Am Sonntag im Schwimmbad gab es wieder so eine Situation: Der Zwerg sah den Wasserfall von oben und wollte sofort hin. Hielt dann inne und sagte: „Nei. Doch nich. Zwerg grooße Angst.“ Ich akzeptierte das vollkommen, merkte aber gleichzeitig, dass er ganz fasziniert von dem Wasserfall war. Also fragte ich ihn, ob wir näher ranwollten, er könne sich bei mir festhalten. Er reagierte sofort mit einem „Jaaa“ Ich nahm ihn auf dem Arm und näherte mich den „Ding“ zwei Schritte doch dann merkte ich wie die Zwergenhände sich in meinen Badeanzugträger krallten und hörte ein: „Nein. Nein. Angst. Angst. So große Angst.“ und da wusste ich: bis hierhin und nicht weiter. Ich bin mir sicher, wäre ich weiter gelaufen, es hätte ihm letzten Endes doch gefallen. Aber um welchen Preis? Was lernt er dann? Doch eigentlich nur, dass seine Ängste von mir nicht für voll genommen werden. Ich finde es aber wichtig, dass er lernt, dass wir da sind und ihn so akzeptieren wie er ist. Das es keine Schande ist, heutzutage Angst zu haben als Junge. Es ist ein Gefühl wie jedes andere und das sollte man zulassen. Er soll wissen, bei uns darf er Gefühle zeigen und dazu stehen. Mit unsinnigen Ängsten und Wutanfällen. Im ganzen Paket. Mit seinem ganz eigenen kleinen Charakter.

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Ein Gedanke zu “Gedankenfluss: „Nein. Hab Angst!“

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