„Ohne den Kleinen wars langweilig“ oder: Wie der Große zum großen Bruder wurde.

Ich weiß noch ganz genau – als ich mit dem Kleinen schwanger war, war ich voller Zweifel. Der Große war zwar in der ersten Zeit ein relativ „einfaches“ Baby, doch mit zunehmenden Alter sehr anspruchsvoll. Er forderte viel Aufmerksamkeit, hatte sehr viele massive Trotzanfälle, war eine zeitlang nie zufrieden. Versteht mich nicht falsch, er war immer ein großartiges Kind: MEIN großartiges Kind, aber alle Eltern unter euch werden wissen – manchmal haben Kinder eben Phasen in denen es nur noch hilft sich vorzubeten „Es ist nur eine Phase!“ und die Bedürfnisse der Kleinen so gut es eben geht zu erfüllen.

Mit etwa 1,5 Jahren wurde der Große deutlich pflegeleichter und damit verbunden keimte in mir und meinem Mann der Wunsch nach einem zweiten Kind. Wäre es nicht toll, wenn der Große jemanden zum spielen hätte? Dann könnten die gemeinsam toben und so ein geringer Altersabstand hat ja auch eine Menge positive Seiten…

Gesagt, getan. Ich wurde sehr schnell schwanger mit dem Kleinen – anfangs mit vielen Höhen, Tiefen, einem Krankenhausbesuch und dem Wissen „vielleicht mag der Kleine gar nicht bleiben und geht noch“. Aber mein kleines Menschlein im Bauch biss sich durch und blieb. Danach kehrte Ruhe ein und mit dieser Ruhe ging das Gedankenkarussell los. „Wie würde der Große diese Umstellung verkraften?“ , „Schubs ich ihn jetzt vom Thron?“, „Wird er eifersüchtig sein?“, „Was mach ich, wenn er gerade einen Bock hat und das Baby gestillt werden muss?“, „Kann ich beiden Kindern gerecht werden?“.  Der Große war von Anfang an in die Schwangerschaft involviert. Er wusste das da ein Baby in Mamas Bauch heranwuchs, kam ab und an mit zum Ultraschall und später auch zum CTG. Wir starrten also gemeinsam auf den Monitor und hörten dem Herzschlag seines Brüderchens. Er malte meinen Bauch an, er cremte ihn täglich ein, legte seinen Kopf auf den Bauch und horschte und er sprach mit seinem Brüderchen. Er war damals schon ein super stolzer großer Bruder.

Ich las viel zum Thema „Geschwisterkinder“. Ich hatte das Gefühl, ganz genau wissen zu wollen, was in meinem Großen vorgeht um im Zweifelsfall gegenzusteuern. Ich las darüber, dass es für Kinder so ist, als wenn der Mann plötzlich eine hübsche geliebte mit heimbringt und sagt „Das ist Elfriede, die liebe ich genauso sehr wie dich und sie gehört jetzt zur Familie“. Grauenhafte Vorstellung für mich und um ehrlich zu sein, machte das mein schlechtes Gewissen gegenüber dem Großen nicht besser. Da gab es auch plötzlich Leute, die dir erzählten, dass man spürt wie das wundervolle Band zum Erstgeborenen einfach durchgeschnitten wird und dieses „Du und ich gegen den Rest der Welt“-Gefühl einfach verschwindet. Ich hörte, dass der Erstgeborene sich aber ganz schön umschauen wird, wenn das Geschwisterchen erstmal da ist. Und es gab Artikel die einem sagten, dass die Geburt eines Geschwisterchens für die Großen in etwa zu Vergleichen ist mit dem Verlust eines engen Familienmitglieds. Die Welt der großen Kinder würde plötzlich erschüttert, nichts mehr wie es gewesen ist und die Kinder müssen sich erstmal alleine ihren neuen Platz in der Familie suchen.

Ich bin ehrlich: all das ließ mich erschaudern. Es war meine eigene Mama, die mich damals fragte: „Hattest du jemals so ein Gefühl?!“ Ich war knapp 2 als mein kleiner Bruder auf die Welt kam und es folgten noch 2 weitere Geschwister. An die Zeit ohne meinen Bruder erinnere ich mich gar nicht, also auch nicht an dessen Geburt. Aber an die Geburt meiner anderen beiden Geschwister erinnere ich mich – und wenn ich daran denke ist dort in meiner Erinnerung nur noch dieses stolze Gefühl eine große Schwester zu sein, keine Wut, kein Verlustsdenken, gar nix. Dinge die einem in so einer Situation ungemein beruhigen.

Dann kam der Mini auf die Welt. Es war sehr früh an einem Frühlingsmorgen und knapp 3 Stunden nach der Geburt saß mein großes Kind neben mir auf dem Bett und betrachte strahlend und stolz seinen kleinen Bruder. Ich entband ambulant, schaute abends genau wie am Tag zuvor mit dem Großen den Sandmann und las ihm seine gute Nacht Geschichte vor. Es folgten wunderschöne, kuschelige Tage und ich hatte nie das Gefühl das irgendein Band zwischen dem Großen und mir durchtrennt wurde.

Leider weinte der Kleine in der ersten Zeit viel, war ein „High-need“-Baby und forderte massiv viel Aufmerksamkeit. Als der Mann wieder arbeiten war, griff bei mir natürlich prompt das schlechte Gewissen. Oft war ich ab 17 Uhr am Cluterstillen und abends reichte es meist nur zu Brot anstatt selbstgekochtem frischen Essen. Oft durfte der Große mehr TV schauen als sonst, denn ich war durch das Baby an die Couch gefesselt und wollte manchmal auch einfach nur in Ruhe stillen. An diese Zeit erinnere ich mich heute immer noch mit etwas Grauen zurück. Ich hatte das Gefühl es würde nie besser werden. Für den Großen schien die Zeit hinten und vorne zu fehlen – das Baby hatte unberechenbare Stillabstände, lies sich nicht ablegen und brüllte sobald ich es doch tat. Ich war einfach nur fertig und ich fragte mich, wie wütend der Große wohl auf mich war, weil er an diesem Tag wieder tausend mal hören musste „Moment, ich muss erstmal das Baby stillen / beruhigen / wickeln / ins Tuch stecken“. Doch er ließ sich nichts anmerken, war immer ein Goldschatz, hatte Verständnis und nörgelte so gut wie nie über irgendetwas. Einzig und allein in die Kita wollte er nicht mehr. Seine Worte waren morgens oft „Mama, ich will lieba zu heim bleiben und dir mit dem Baby helfe. Ich bin doch der Mann im Haus, wenn der Baba arbeite is“. Beim ersten Mal musste ich weinen. Mein großes, empathisches Kind. Er machte sich mehr Sorgen um mich, als um irgendetwas anderes. Aber natürlich wurde diese Zeit irgendwann besser und es spielte sich mehr und mehr zwischen uns ein. Der Kleine schlief wenn ich den Großen aus der Kita holte recht zuverlässig im Tuch und wir konnten gemeinsam spazieren gehen oder auf den Spielplatz. Diese kleinen Exklusivzeiten taten uns ungemein gut.

Mittlerweile ist diese chaotische Anfangsphase natürlich über ein Jahr her und ich kann sehr reflektiert über diese ganze Sache schreiben. Ich habe mich damit abgefunden, dass alles anders lief als geplant und der Große wirklich eine Menge weniger Aufmerksamkeit abbekam. Aber er liebt seinen Bruder bist heute. Mittlerweile bin ich auch wieder öfter mit dem Großen allein unterwegs und ich kann euch allen sagen – dieses „du und ich gegen den Rest der Welt“ ist immer noch da. Der Große und ich. Ein Team, wie wir immer waren. Heute haben wir eben meistens ein Teammitglied mehr. Neulich fragte ich ihn übrigens: „Schatz, erinnerst du dich noch wie es ohne den Kleinen war?“ Er: „Ja, langweilig. Da hatte ich nie jemanden zum spielen“ Solche Sätze lassen mein Herz aufgehen und ich weiß: Alles richtig gemacht.

Also an alle Mamas die zweifeln: Traut euch! Geschwister sind toll. Und denkt nicht daran, was ihr euren Kindern vielleicht wegnehmt – Sie bekommen nämlich auch etwas dazu: den besten und tollsten Spielkameraden der Welt. Für ein Leben lang.

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