„Hast du dir wehgetan?!“ – Wie ich trösten lernte.

„Ach komm, ist doch nichts passiert!“ – so oder ähnlich reagierte ich lange Zeit, wenn eines meiner Kinder hinfiel oder sich anderweitig nicht ernsthaft verletzt hatte. Ich war der festen Überzeugung, dass das vollkommen richtig so ist und es kein Wunder ist das manche Kinder so lange schreien, wenn man so viel Trara à la: „Oh Schreck. Du armes armes Kind“ um jeden kleinen Sturz macht. Meine Kinder haben nie bei kleineren Stürzen geweint und wenn war nach ein wenig trösten und einem „Komm, ist doch nicht schlimm“ auch schnell wieder Ruhe. Ich war dabei nie harsch oder genervt, aber wollte zu verstehen geben, das eben nichts passiert ist.

Aber irgendwann stieß ich auf einen Forumsbeitrag indem jemand schrieb, warum wir Erwachsenen uns eigentlich anmaßen zu entscheiden wann ein Sturz schlimm oder weniger schlimm ist. Für das Kind ist immer etwas passiert. Dieser Satz brachte mich zum nachdenken und ich recherchierte ein wenig zu dem Thema. Ich stieß daraufhin auf einen wundervollen Artikel vom gewünschtesten Wunschkind und wusste: „ich will meine Kinder nicht wissentlich verletzen indem ich sie nicht Ernst nehme, wenn sie meinen Trost brauchen. Ich lasse sie nicht irgendwo alleine weinen oder leiden, wieso sage ich also sowas unpassendes wie ‚ist doch nichts passiert‘ in solchen Situationen?“ Interessant ist jetzt im Nachhinein, dass an Tagen an denen sowieso alles irgendwie schief lief und die Kinder motzig waren am meisten wegen kleinen Stürzen geweint wurde. Wenn der große Rabauke sonst stolperte, stürzte aufstand und weitermachte, gab es an solchen Tagen viel öfter Gekreische. Und ich dachte mir: „Oh man. Den ganzen Tag nur am motzen und jetzt brüllt er auch noch wegen so einer Kleinigkeit.“ – Mittlerweile weiß ich: Er brauchte einfach meinen Trost. Er brauchte mich. Denn nicht nur meine Nerven lagen von seinem Gemotze blank, nein, auch ihn strengte das Ganze an und er war genauso unzufrieden mit dieser Situation wie ich.

Ich entschloss mich also dazu mich zu ändern und nahm mir vor auf jeden Sturz (der zu weinen oder jammern führt) zu reagieren. Wenn die Jungs also hinfielen und weinten, sagte ich nach ein paar tröstenden Wörtern nicht mehr mein typisches: „Ist doch nicht schlimm“, sondern direkt: „Hast du dir wehgetan?“. Bei größeren Stürzen sage ich mittlerweile: „Das hat bestimmt wehgetan! Ich glaubs dir!“ und nehme das Kind einfach in den Arm und verkneife mir sonstige Kommentare. Oftmals reicht scheinbar meine Nähe schon aus. Meist singe ich noch „heile, heile Segen“.

Am Anfang passierte genau das, was ich erwartet hätte. Besonders der Große weinte, sobald ich fragte: „Hast du dir wehgetan?“ erst nochmal richtig auf und jammerte mehr als sonst. Aber ich blieb dran. Ich wollte, dass er sich ernst genommen fühlte und spürte, dass ich seine Gefühle ernst nahm. Das alles ist jetzt einige Zeit mehr und mir fiel jetzt erst vor Kurzem auf, dass beide Jungs bei kleinen Stürzen mittlerweile viel weniger und vor allem kürzer weinen. Der Große stürzt, weint, wenn ich komme, frage ob er sich wehgetan hat und beginne Heile Segen zu singen, komme ich oftmals nicht mehr bis zu Ende und er rennt schon weiter. Ab und an muss ich an mich halten und mir rutscht mein obligatorisches „Nichts passiert.“ doch noch raus. Was über 3 Jahre lang funktioniert hat und Alltag war, wird man eben nicht so schnell los. Aber (und das finde ich sehr wichtig) ich arbeite täglich an mir und merke das es täglich weniger wird.

Ich bin wirklich stolz auf diese Entwicklung, gerade heute stürzte der Große wirklich schlimm mit seinem Laufrad. Eine fette Schramme auf der Nase und Nasenbluten gleich als Bonus obendrauf. Ich nahm ihn in den Arm, sagte das das bestimmt wehtut. Kein „ist nicht so schlimm“, um ihn zu beruhigen. Nein, ich saß einfach da, mit ihm auf den Asphalt. Zwischen anderen Eltern und Kindern und mir war einfach alles egal. Ich sang unser Heile Segen Lied, ich tröstete ihn und hielt ihn einfach im Arm, bis der erste Schreck und das erste Schmerzgebrüll vorbei war. Ich wischte ihm sanft die gröbsten Blutspuren weg und lies ihn sonst in Ruhe, weil ich weiß, dass er es hasst, wenn ich ihm sofort über die Wunden tupfe und wische. Das sagte er mir nämlich mal. Nicht, dass er ständig blutende Wunden hätte, aber dieses Jahr ist es der dritte größere Sturz der mir in Erinnerung ist. Als seine erste Verzweiflung abgeebbt war, liefen wir gemeinsam heim. Selbstverständlich trug ich ihn, auch wenn ich mir dabei wie ein Packesel vorkam. Eine Hand am Dreirad mit dem kleinen Rabauken drauf, auf den anderen Arm den Zwerg und irgendwie noch das Laufrad geklemmt. Gott sei Dank hatten wir es nicht weit. Ich forderte ihn auch nicht auf, selbst zu laufen. Ich weiß jetzt, dass es okay ist, wenn er nach solche Situationen getragen werden will. Und soll ich euch was sagen? Er kuschelte sich an mich und als wir nach ein paar Minuten daheim ankamen, war schon fast alles vergessen. Er ließ mich seine Wunde säubern, zwar unter ein wenig Protest, aber es war okay. Und anschließend durfte ich ihm sogar einen Kühlakku an die Nase halten, um zu verhindern, dass sie noch extremer anschwoll.

Heute hat mir gezeigt, wie froh ich bin, dass ich die Sache mit dem Trösten geändert habe. Denn jetzt mal ehrlich – welcher Erwachsene würde beim weinen hören wollen „Ach komm, hab dich nicht so. Ist doch nicht so schlimm.“ Ist es eben doch. Sonst würde man nämlich nicht weinen.

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2 Gedanken zu “„Hast du dir wehgetan?!“ – Wie ich trösten lernte.

  1. Frieda schreibt:

    So gut! Genau das geht mir auch immer durch den Kopf. Danke für deinen Artikel, er hilft mir sehr beim Weiterdenken 🙂
    Liebe Grüße!

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